UX-Glossar · engl. Kognitive Belastung
Cognitive Load
Cognitive Load ist die geistige Anstrengung, die nötig ist, um eine Oberfläche zu verstehen und zu bedienen. Je weniger unnötige Denkarbeit ein Design verlangt, desto leichter fällt die eigentliche Aufgabe.
Stell dir vor, du willst online eine Bahnfahrt buchen. Auf dem Bildschirm blinken drei Werbebanner, das Formular fragt nach Dingen, die du nicht verstehst, und die Ticketpreise von Seite eins musst du dir merken, weil sie auf Seite zwei nicht mehr angezeigt werden. Am Ende bist du erschöpft, obwohl die Aufgabe eigentlich einfach war.
Genau das beschreibt Cognitive Load: Die Website hat dir mehr Denkarbeit abverlangt als nötig.
Einfach erklärt
Cognitive Load (deutsch: kognitive Belastung) ist die geistige Anstrengung, die du brauchst, um eine Oberfläche zu verstehen und zu bedienen. Diese Arbeit erledigt vor allem dein Arbeitsgedächtnis, also der Teil des Gedächtnisses, in dem du Informationen kurz festhältst und verarbeitest. Seine Kapazität ist klein. Die bekannte Faustregel „sieben plus minus zwei“ von George Miller war eher grob gemeint. Neuere Forschung, etwa von Nelson Cowan, geht von ungefähr vier Einheiten aus, die du gleichzeitig im Kopf behalten kannst.
Ein Vergleich aus dem Alltag: Dein Arbeitsgedächtnis ist wie eine kleine Arbeitsfläche in der Küche. Liegen dort Werbeprospekte und schmutziges Geschirr, bleibt kaum Platz zum Kochen. Gutes Design räumt die Fläche frei.
Der Begriff stammt aus der Lernforschung. Der australische Psychologe John Sweller hat 1988 die Grundlagen der Cognitive Load Theory veröffentlicht. Sie soll erklären, warum manche Lernmaterialien das Lernen eher behindern als fördern. UX-Design hat die Idee übernommen.
Notwendige und überflüssige Belastung
Nicht jede Anstrengung ist schlecht. Für UX sind vor allem zwei Arten wichtig. Die intrinsische Belastung steckt in der Aufgabe selbst: Eine Steuererklärung ist komplexer als eine Wetter-App, daran ändert auch gutes Design wenig. Die extrinsische Belastung entsteht dagegen durch die Art der Darstellung, etwa durch unklare Begriffe, unruhige Layouts oder Informationen, die du dir merken musst, statt sie zu sehen. Die Theorie kennt noch eine dritte Art, die lernbezogene Belastung, die beim Aufbau von Wissen entsteht.
Im Design geht es also nicht darum, alles zu vereinfachen, sondern die überflüssige Belastung zu streichen. So bleibt Kapazität für das, worum es eigentlich geht. Warum das Kurzzeitgedächtnis dabei so eine große Rolle spielt, erklärt der Artikel Grundlagen menschlicher Wahrnehmung: Das Kurzzeitgedächtnis.
Ein Beispiel
Ein Beispiel: Ein Online-Shop zeigt im Checkout ein einziges langes Formular mit 18 Feldern, dazu Gutscheinhinweise und einen Newsletter-Kasten. Die Versandkosten erscheinen erst ganz am Ende. Viele brechen ab.
Nach der Überarbeitung gibt es drei kurze Schritte mit klaren Überschriften. Die Lieferadresse wird als Rechnungsadresse vorausgefüllt, die Versandkosten stehen von Anfang an im Warenkorb, und alles, was nicht zum Kauf gehört, ist verschwunden. Die Aufgabe ist dieselbe, aber sie fühlt sich deutlich leichter an. Weitere Regeln dazu findest du im Artikel Formulare, die niemand abbricht: 12 Regeln für bessere Formular-UX.
In der Praxis
- Weg mit dem Rauschen. Entferne Elemente, die nichts zur Aufgabe beitragen, zum Beispiel dekorative Bilder, doppelte Links oder unnötige Hervorhebungen.
- Bekannte Muster nutzen. Was Menschen von anderen Websites kennen, müssen sie nicht neu lernen. Ein Warenkorb-Symbol oben rechts verstehen fast alle sofort.
- Arbeit abnehmen. Zeig Informationen erneut an, statt sie abzufragen, und setz sinnvolle Voreinstellungen. Wiedererkennen ist leichter als Erinnern.
Verwandte Begriffe
Hick’s Law, Progressive Disclosure, Gestaltgesetze, Mentales Modell
Quellen
- Kathryn Whitenton: Minimize Cognitive Load to Maximize Usability. Nielsen Norman Group, 2013
- John Sweller: Cognitive Load During Problem Solving: Effects on Learning. Cognitive Science, 1988
- Nelson Cowan: The magical number 4 in short-term memory: A reconsideration of mental storage capacity. Behavioral and Brain Sciences, 2001