UX-Glossar · engl. Information Architecture
Informationsarchitektur
Informationsarchitektur beschreibt, wie Inhalte einer Website oder App strukturiert und benannt sind. Sie sorgt dafür, dass Menschen finden, was sie suchen, und wissen, wo sie gerade sind.
Stell dir vor, du willst auf der Website deiner Stadtverwaltung herausfinden, wie du einen neuen Personalausweis beantragst. Im Menü stehen „Dezernat II“, „Fachbereich Bürgerdienste“ und „Rathaus aktuell“. Du klickst dich durch, landest bei Öffnungszeiten der Bibliothek und gibst irgendwann auf. Die Informationen sind alle da. Sie sind nur so sortiert, wie die Verwaltung intern denkt, und nicht so, wie Menschen suchen.
Einfach erklärt
Informationsarchitektur (kurz IA) beschreibt, wie die Inhalte einer Website oder App strukturiert und benannt sind, damit Menschen finden, was sie suchen, und verstehen, wo sie sich gerade befinden. Ein Vergleich aus dem Alltag: In einem Supermarkt entscheidet jemand, dass Nudeln neben der Tomatensoße stehen, welche Gänge es gibt und was auf den Schildern darüber steht. Diese unsichtbare Ordnung ist die Informationsarchitektur. Die Schilder selbst entsprechen eher der Navigation.
Geprägt hat den Begriff der Architekt und Designer Richard Saul Wurman, nach eigener Aussage 1976 auf der Jahrestagung des American Institute of Architects. Bekannt wurde das Fachgebiet im Web vor allem durch das Buch von Louis Rosenfeld und Peter Morville, das 1998 erstmals erschien und heute als „Information Architecture: For the Web and Beyond“ (mit Jorge Arango) vorliegt.
Woraus Informationsarchitektur besteht
Rosenfeld und Morville unterscheiden vier Systeme, die zusammenspielen: das Ordnungssystem (Nach welcher Logik wird gruppiert, etwa nach Thema, Zielgruppe oder Aufgabe?), das Beschriftungssystem (Welche Wörter stehen auf Menüpunkten und Links?), das Navigationssystem (Wie bewegen sich Menschen durch die Struktur?) und das Suchsystem (Wie finden sie Inhalte über die Suche?).
Wichtig ist der Unterschied zur Navigation. Die Nielsen Norman Group beschreibt die IA als Fundament, das im Interface selbst gar nicht sichtbar ist. Sie wird in Tabellen und Diagrammen dokumentiert. Menüs, Breadcrumbs oder Filter sind die sichtbaren Elemente, die auf dieser Struktur aufbauen. Deshalb gilt: erst die IA festlegen, dann die Navigation gestalten. Mehr dazu im Artikel Einführung in die Informationsarchitektur.
Ein Beispiel
Zurück zur Stadtverwaltung. Vorher spiegelt die Website das Organigramm: Ämter, Dezernate, Fachbereiche. Das Team führt ein Card Sorting mit Menschen aus der Stadt durch. Fast alle gruppieren nach Lebenslagen wie „Umzug“, „Ausweis und Pass“ oder „Familie“. Nachher ist die Website nach diesen Anliegen geordnet, und die Ämter stehen nur noch als zuständige Stelle auf den jeweiligen Seiten. Ein anschließendes Tree Testing bestätigt, dass Testpersonen die Infos zum Ausweis nun deutlich schneller finden.
Warum das wichtig ist
Eine schwache IA lässt sich durch schönes Design kaum retten. Wenn Begriffe unklar sind oder Inhalte an unerwarteten Stellen liegen, suchen Menschen länger, brechen ab oder rufen beim Support an. Eine gute IA orientiert sich am mentalen Modell der Nutzenden, also an ihrer Vorstellung davon, wo etwas sein müsste.
In der Praxis
- Denk in Aufgaben, nicht in Abteilungen. Frag dich bei jedem Menüpunkt, welches Anliegen jemand damit erledigen will. Interne Bezeichnungen gehören selten ins Menü.
- Erst sammeln, dann ordnen. Erstelle eine Inhaltsliste aller Seiten und Funktionen, bevor du Kategorien bildest. Sonst ordnest du nur, was dir gerade einfällt.
- Teste die Struktur ohne Design. Mit Card Sorting findest du Ideen für die Gliederung, mit Tree Testing prüfst du sie. Beides geht schnell und spart späteren Umbau.
Verwandte Begriffe
Card Sorting, Tree Testing, Mentales Modell, Progressive Disclosure
Quellen
- Jen Cardello: The Difference Between Information Architecture (IA) and Navigation. Nielsen Norman Group, 2014
- Louis Rosenfeld, Peter Morville, Jorge Arango: Information Architecture: For the Web and Beyond. 4. Auflage, O’Reilly, 2015
- Dirk Knemeyer: Richard Saul Wurman: The InfoDesign Interview. InfoDesign, 2004